SCHLACHT 1515


Marignano ist - nach dem deutschen Exonym der italienischen Stadt Melegnano - der Name einer Schlacht vor den Toren von Mailand (13. und 14. 9. 1515). Rund 30'000 Mann eines  französischen Heeres trafen auf vielleicht 20'000 eidgenössische Krieger. Die grosse Zahl der Beteiligten und die zum letzten Mal fast entscheidende, von Urs Graf in seinen Zeichnungen verewigte Körperkraft von Langspiess- und Hellebardenträgern hat der Schlacht bereits beim teilnehmenden Söldnerführer Gian Giacomo Trivulzio den Titel der Battaglia dei Giganti  eingetragen:

 

"Trivulzio, der Hauptmann, der so viel gesehen hatte, bekräftigte, das sei nicht eine Schlacht von Menschen gewesen, sondern von Giganten und die achtzehn Schlachten, an denen er teilgenommen habe, seien im Vergleich zu dieser Kinderschlachten gewesen." (Francesco Guiccardini, Geschichte Italiens, Buch 12, Kapitel 15)

 

Von den zeitgenössischen Historikern, die sich mit der Schlacht beschäftigt haben, ist der Doyen der Schweizer Militärhistoriker Walter Schaufelberger der bedeutendste. Sein massgebliches Standardwerk ist das 1993 erschienene „Marignano. Strukturelle Grenzen eidgenössischer Militärmacht zwischen Mittelalter und Neuzeit.“

 

An sich hätte es 1515 gar nicht zur Schlacht kommen sollen: Keine Woche vor dem Zusammenstoss hatten eidgenössische und französische Unterhändler in Gallarate einen Vertrag vereinbart, welcher den Abzug der Schweizer aus Mailand gegen französische Zahlungen vorsah. Als die Kriegergemeinden der Urner, Schwyzer und Glarner dieses Abkommen verwarfen, wurden sie und die übrigen gleichgesinnten Angehörigen des Heeres von den annehmenden Ständen Bern, Freiburg und Solothurn  in Mailand dem eigenen Schicksal überlassen. Die staatlichen Strukturen der spätmittelalterlichen Eidgenossenschaft wurden durch den Versuch, Grossmachtpolitik zu betreiben, auf eine Zerreissprobe gestellt: Entweder man änderte die Strukturen durch Straffung des Bundes (und dagegen waren gewaltige Widerstände am Werk) oder aber man zog sich auf sich selbst zurück, wie es nach der Niederlage ja dann tatsächlich der Fall sein sollte.

 

Am Nachmittag und Abend des 13. September schienen die vom rührigen Kardinal Matthäus Schiner, einem geborenen Walliser und leidenschaftlichen Gegner der Franzosen, aufgestachelten, aus der Stadt heraus ungestüm den an Kanonen starken König Franz I von Frankreich angreifenden Schweizer das Ringen zu gewinnen. Das Schlachtfeld wurde - in Angriffsrichtung rechts - durch den alten römischen Kanal der Vettabbia, links durch den parallel zur Vettabbia verlaufenden Fluss Lambro begrenzt. Zahlreiche Quergräben machten für die jeweiligen Angreifer die Annäherung an den Gegner dann besonders schwierig, wenn dieser dahinter seine Feuerwaffen in Linie bereitgestellt hatte. Die Franzosen mit ihren vielleicht rund 300 Rohren aller Art waren den Schweizern in Sachen Feuerwaffen stark überlegen. Sie konnten dank dieser Überlegenheit an beiden Tagen den eidgenössischen Durchbruch in Richtung Lambrobrücke von Melegnano vor Santa Brera (dem Hauptquartier des französischen Königs, im heutigen Parco Agricolo Sud Milano) verhindern und zum Gegenangriff übergehen.

 

Da sie am 13. September die Lambrobrücke behauptet hatten, konnten die Franzosen am 14. in Melegnano die von Venedig bezahlten frischen Truppen unter dem Condottiere Bartolomeo d'Alviano aufnehmen, dank dieser Verstärkung das Übergewicht erlangen und den Schweizern in der bildhaften Sprache des Spätmittelalters den Druck abgewinnen. Die Eidgenossen zogen sich gemessenen Schrittes zurück, woran das Gemälde Ferdinand Hodlers erinnert. Auf dem Schlachtfeld selber spielten sich die nicht zuletzt angesichts des wirtschaftlichen Konkurrenzkampfs von Schweizer Kriegsknechten und deutschen Landsknechten zu erwartenden wüsten Szenen ab: der Krieg zeigte seine Fratze.

 

Die Schweiz, Frankreich, die Welt aber waren am Abend des 14. September 1515 auf immer verändert. Nicht einmal das Getöse der Schlacht ist verklungen: Es wird so lange zu hören sein, wie die Musik Clément Janequins gespielt wird.

 

Marignano gab der Eidgenossenschaft den wichtigsten Impuls, ihre Aussenpolitik in Richtung auf die in der Folge so segensreiche Neutralität zu entwickeln. Das meint die Inschrift auf dem in Zivido aufgestellten Denkmal von Josef Bisa "aus der Niederlage das Heil", EX CLADE SALUS. Die Niederlage dämpfte ein wenig den eidgenössischen Enthusiasmus für fremde Fürsten und ihre glänzenden Angebote, für die Fremden Dienste, für den Krieg allgemein und legte so auch ein Fundament für den Erfolg der solddienstkritischen Reformation in Zürich und über Zürich hinaus. Zentral aber war, dass nun eine Preisgabe auch des Sottoceneri anders als noch im Vertrag von Gallarate für die Eidgenossen nicht mehr in Frage kommen konnte, Marignano ist also sehr direkt dem Kanton Tessin, wie wir Schweizer ihn seit 1803 kennen und lieben, zu Gevatter gestanden.

 

Der französische Sieger, König Franz I, liess in Triumphatorenstimmung eine Medaille prägen, auf der er der Mit- und Nachwelt verkündete, er habe die vor ihm nur von Julius Caesar geschlagenen Helvetier überwunden: VICI AB UNO CAESARE VICTOS. Franz I - der sich noch im Tod in seinem Grabmal in Saint Denis von durch den Bildhauer Pierre Bontemps geschaffenen Szenen aus der Schlacht von Marignano umgeben sein wollte - war aber im Leben klug genug, den als mannhaft erprobten Eidgenossen 1516 einen günstigen Frieden anzubieten. 1521 schloss er mit den schlagkräftigen Schweizern ein Soldbündnis. Beide Verträge begründeten zusammen, wenn auch später mannigfach verändert und zum Teil vorübergehend nur an einem dünnen Faden hangend, den langen, von 1516 bis 1798 nicht unterbrochenen französisch-schweizerischen Frieden und trugen auch nach 1815 durch die verklärte Erinnerung anderer Generationen dazu bei, die gallisch-helvetische gute Nachbarschaft und Freundschaft über weitere zwei Jahrhunderte zu sichern. Der französische Respekt vor dem Gegner, welcher sich tapfer geschlagen hatte, entsprach der Haltung der mitsiegenden Venezianer, die von dieser Zeit an, so lange ihr Staat bestand, der ebenfalls republikanischen Eidgenossenschaft mit auffallender interessierter Sympathie begegneten.

 

In der Lombardei kämpften die Schweizer am Ende an der Seite des legitimen Herzogs von Mailand Massimiliano Sforza, dessen Eltern Ludovico il Moro und Beatrice d'Este das berühmteste Grabmal der Certosa di Pavia gilt. Marignano befestigte damit auch das gute Verhältnis zwischen der Eidgenossenschaft und Mailand. International machte Marignano - durch die Ausschaltung der Eidgenossenschaft als Grossmacht - den Weg frei für die französisch-habsburgische Konfrontation in der Lombardei, ein Gegensatz, der sich bis zur Schlacht von Solferino 1859 immer wieder militärisch entladen, ja in veränderter Form erst nach den Weltkriegen des 20. Jahrhunderts im Jahre 1945 definitiv historisch werden sollte.

 

Wie das mit allen grossen Schlachten geschieht, weiss jede Epoche Marignano für ihre eigenen Zwecke zu verwenden, als Illustration für den unaufhaltsamen Aufstieg der Technik in der Kriegführung, als Zeugnis für den Heroismus der Eidgenossen, als Ursprung der schweizerischen Neutralität, als Vorlage für Lieder, Skulpturen und Gemälde, als willkommener Anlass zu Erinnerungsfeiern und Festen, als wichtige Seite der eigenen lombardischen Regionalgeschichte, als Objekt für die Demontage von Mythen, bestehenden und zwecks Demontage neu erfundenen, als Beleg für die Nichtigkeit alles irdischen Tuns, als Bestätigung für die Bedeutung einer Familie, einer Diözese, eines Dorfes oder Weilers. In alledem steckt Wahres und Richtiges und Legitimes. Es wird zwar noch eine Weile dauern, aber der Tag wird kommen, an dem von einer breiten Mehrheit der Pluralismus aller historischen Erklärungen als Reichtum des die Völker verbindenden kulturellen Lebens und nicht als Bedrohung enger politischer Standpunkte begriffen wird. Wenn dieser aufgeklärte Zustand im Schatten der Kappelle von Zivido etwas früher eintreten wird als anderswo, dann ist dies schweizerischen und italienischen Pionieren zu verdanken wie Pierino Esposti, Roland Haudenschild und David Vogelsanger, die in uneigennütziger zupackender Arbeit aus der gemeinsamen Erinnerung an eine ein halbes Jahrtausend alte Waffentat einen Ausdruck des Ideals gemacht haben, das Gottfried Keller uns hinterlassen hat, der Freundschaft in der Freiheit.

 

Windisch, 27. Mai 2009                        Jürg Stüssi-Lauterburg

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